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← Magazin 08. Mai 2026
Geschichte · 17 min

Von Black Sabbath zu Norwegian Black Metal — fünf Phasen Metal-Geschichte

Birmingham 1970, NWOBHM 1979, Thrash 1983, Norwegian Black Metal 1991: Wie sich aus einem einzigen Tritonus-Riff in 21 Jahren das gesamte Genre entwickelt hat.

Wenn man Metal-Geschichte erzählen wolle, ohne sich in Detailfragen zu verlieren, biete sich eine Strukturierung in fünf Phasen an: die Entstehung in Birmingham 1969/70, die NWOBHM ab 1979, die Thrash-Phase ab 1983, die Death-Metal-Konsolidierung Ende der 1980er und die norwegische Black-Metal-Welle ab 1991. Jede Phase brachte sowohl klangliche als auch konzeptuelle Verschiebungen — und jede baute auf der vorigen auf, oft als deren explizite Verneinung.

Diese Genealogie sei in den vergangenen Jahren mehrfach geschrieben worden, prominent etwa in Sam Dunns Dokumentation „Metal: A Headbanger’s Journey” (2005), in Ian Christes „Sound of the Beast” (2003) und in der dreiteiligen BBC-Reihe „Heavy Metal Britannia” (2010). Was hier folgt, sei keine Neuentdeckung, sondern eine knappe Rekapitulation der Linien, die sich gegen einander abgrenzen.

1970: Birmingham, ein Tritonus, ein Genre

Am 13. Februar 1970 erschien bei Vertigo Records das selbstbetitelte Debüt einer Band aus Aston, einem Arbeiterviertel im Norden Birminghams. Die vier Musiker — Tony Iommi (Gitarre), Geezer Butler (Bass), Bill Ward (Schlagzeug) und Ozzy Osbourne (Gesang) — nannten sich Black Sabbath. Das Album wurde an einem einzigen Tag, dem 16. Oktober 1969, in den Regent Sound Studios in London eingespielt.

Das Eröffnungsstück, das wiederum den Bandnamen trägt, beginnt mit Regen- und Glockengeräuschen. Dann setzt das Riff ein: ein Tritonus, also der Sprung über einen verminderten Quintabstand — in der mittelalterlichen Musiktheorie als „diabolus in musica” verfemt, in der christlichen Liturgie nicht zugelassen. Iommi habe dieses Intervall nicht aus historischem Interesse gewählt, sondern weil es klanglich düster wirke. Der Effekt sei trotzdem programmatisch geworden.

„Wir waren eine Blues-Band, die plötzlich Filmmusik schrieb. Nur ohne Film.” — Geezer Butler, sinngemäß in Sam Dunns „Metal Evolution”

Black Sabbath gilt heute mehrheitlich als die erste Heavy-Metal-Platte, auch wenn der Begriff „Heavy Metal” zu diesem Zeitpunkt noch nicht etabliert war. Konkurrierende Datierungen führen Led Zeppelin (Debüt Januar 1969), Deep Purple („In Rock”, Juni 1970) oder Blue Cheers „Vincebus Eruptum” (Januar 1968) ins Feld. Die Argumente sind im Detail diskutabel, aber die Black-Sabbath-Platte habe vier Eigenschaften, die sie als Gründungstext qualifizieren:

  • Tritonus-basiertes Hauptriff
  • Tempo deutlich unter dem damaligen Rock-Standard
  • Lyrik mit explizit okkulten Bildern
  • Produktion, die Gitarrenverzerrung und Bass-Lautstärke gleich gewichtet

Bis Mitte der 1970er Jahre habe Black Sabbath sechs weitere Studioalben veröffentlicht („Paranoid” 1970, „Master of Reality” 1971, „Vol. 4” 1972, „Sabbath Bloody Sabbath” 1973, „Sabotage” 1975, „Technical Ecstasy” 1976), die das Vokabular des Genres systematisch ausbauten. „Paranoid” enthält mit „Iron Man”, „War Pigs” und dem Titeltrack drei Stücke, die heute zum Standardrepertoire jeder Coverband gehören.

1979: NWOBHM und die Wiedergeburt des Riffs

Ende der 1970er sei Heavy Metal in einer Krise gewesen. Die etablierten Bands — Black Sabbath, Deep Purple, Uriah Heep — befanden sich in Besetzungswechseln, die Punk-Welle hatte einen Großteil der jüngeren Hörerschaft abgeworben, und das, was als „Stadium Rock” daherkam (Foreigner, Journey), war thematisch und klanglich weichgespült.

In dieser Lage begann ab 1978/79 in Großbritannien eine Bewegung, die das britische Metal-Magazin „Sounds” 1979 als „New Wave of British Heavy Metal” — NWOBHM — bezeichnete. Der Begriff wurde von Geoff Barton in seiner Heft-Ausgabe vom 19. Mai 1979 geprägt.

Die NWOBHM sei keine ästhetisch einheitliche Bewegung gewesen, sondern eher eine generationelle: junge Bands, die die Punkenergie mit der Heavy-Metal-Tradition zusammenführten. Drei Bands stechen heraus:

Iron Maiden (gegründet 1975 in Leyton, London). Ihr selbstbetitelter Debüt erschien im April 1980 bei EMI. Die Band — damals mit Sänger Paul Di’Anno, der 1981 nach „Killers” durch Bruce Dickinson ersetzt wurde — kombinierte Twin-Lead-Gitarre, Tempo und literarische Texte zu etwas, was vorher nicht existiert hatte.

Saxon (gegründet 1977 in Barnsley). Ihr Album „Wheels of Steel” (Februar 1980) erreichte Platz 5 der britischen Album-Charts — ein damals für eine Metal-Band außergewöhnlicher Erfolg. Saxon vertraten die Working-Class-Linie der NWOBHM, ihre Texte handelten von Motorrädern, Lastwagen und englischer Geschichte.

Diamond Head (gegründet 1976 in Stourbridge). Wirtschaftlich blieben sie hinter den Erwartungen zurück, aber ihr Debütalbum „Lightning to the Nations” (1980) und insbesondere das Stück „Am I Evil?” wurden zur direkten Vorlage für Metallica. „Am I Evil?” ist auf Metallicas „Garage Days Re-Revisited” gecovert und damit indirekt in das Standardrepertoire der nächsten Generation überführt worden.

Die NWOBHM brachte etwa 200 Bands hervor, von denen die meisten nur eine oder zwei 7”-Singles veröffentlichten und schnell wieder verschwanden. Die Compilation „Metal for Muthas” (Februar 1980), zusammengestellt von Neal Kay (DJ des Heavy-Metal-Soundhouse in Kingsbury), gilt als zentraler Sampler dieser Phase und enthält neben Iron Maiden eine Reihe heute weitgehend vergessener Bands.

1983: Bay Area Thrash und die Geschwindigkeit

Die NWOBHM hatte einen unmittelbaren Effekt auf der anderen Seite des Atlantik. Junge Musiker:innen in Los Angeles und der Bay Area — beeinflusst von Iron Maiden, Diamond Head und Motörhead — übersetzten die britische Geschwindigkeitsästhetik in eine extremere Variante. Was daraus entstand, hieß ab etwa 1983 Thrash Metal.

Die kanonischen vier — die „Big Four of Thrash” — sind Metallica, Megadeth, Slayer und Anthrax. Sie verdienen kurze Charakterisierungen:

Metallica wurden im Oktober 1981 in Los Angeles von James Hetfield (Gesang/Gitarre) und Lars Ulrich (Schlagzeug) gegründet, mittels einer Zeitungsanzeige im Recycler. Das Debüt „Kill ‘Em All” erschien im Juli 1983 bei Megaforce Records. Die Platte sei in der Geschwindigkeit beispiellos gewesen — der Eröffnungstrack „Hit the Lights” entfaltet in den ersten 30 Sekunden Tempi, die zu diesem Zeitpunkt nur Motörhead annähernd erreicht hatten.

Megadeth entstanden 1983 in Los Angeles, nachdem Dave Mustaine von Metallica vor der Aufnahme von „Kill ‘Em All” entlassen worden war. Ihr Debüt „Killing Is My Business… and Business Is Good!” erschien im Juni 1985. Mustaine brachte ein höheres Maß an technischer Komplexität ins Genre — Megadeth-Songs hätten oft mehrteilige Strukturen mit Tempo- und Tonartwechseln.

Slayer wurden 1981 in Huntington Park, Kalifornien, gegründet. Ihr drittes Album „Reign in Blood” (Oktober 1986) gilt als das radikalste Thrash-Album der ersten Phase: zehn Stücke in 28 Minuten und 57 Sekunden, produziert von Rick Rubin. „Reign in Blood” sei zudem die Brücke zum Death Metal — die letzten 90 Sekunden des Eröffnungstracks „Angel of Death” antizipieren, was Bands wie Death und Possessed zur gleichen Zeit im südlichen Florida und in der Bay Area entwickelten.

Anthrax wurden 1981 in New York gegründet. Sie sind der Big-Four-Vertreter aus dem Osten und vertreten programmatisch eine Variante mit stärkeren Hardcore-Anteilen. Ihr Album „Among the Living” (März 1987) gilt als Klassiker.

Die Thrash-Phase produzierte zudem eine Reihe nicht zur Big Four zählender, aber genauso wichtiger Bands: Exodus (Bay Area), Testament (Bay Area), Death Angel, Sodom (Gelsenkirchen), Kreator (Essen), Destruction (Lörrach). Die deutsche Thrash-Welle — „Teutonenstahl” — sei für das, was später Death Metal hieß, besonders einflussreich gewesen.

1991: Norwegen, der zweite Bruch

Die nächste Phase begann nicht in Großbritannien oder den USA, sondern in Norwegen. Ab etwa 1991 formierte sich in Oslo, Bergen und Trondheim eine Szene, die sich bewusst gegen den Death Metal positionierte, der zu diesem Zeitpunkt in Florida (Death, Morbid Angel, Obituary) und Schweden (Entombed, Dismember) dominant war.

Die Argumentation der norwegischen Szene sei kulturkonservativ gewesen: Death Metal sei zu professionalisiert, zu „amerikanisch”, zu wenig misstrauisch gegenüber moderner Produktionsästhetik. Was diese Bands wollten, sei eine rohere, kompromisslosere, atmosphärisch düsterere Form.

Vier Bands seien für die erste Welle zentral:

Mayhem. Gegründet 1984 in Langhus von Øystein „Euronymous” Aarseth (Gitarre), Necrobutcher (Bass) und Manheim (Schlagzeug). Mayhem sind die organisatorische und ideologische Mitte der norwegischen Szene gewesen. Ihr erstes vollständiges Studioalbum „De Mysteriis Dom Sathanas” erschien im Mai 1994, also Monate nach Euronymous’ Tod (er wurde am 10. August 1993 von Varg Vikernes erstochen).

Burzum. Soloprojekt von Varg Vikernes, gegründet 1991 in Bergen. Die ersten vier Alben — „Burzum” (März 1992), „Det som engang var” (August 1993), „Hvis lyset tar oss” (April 1994) und „Filosofem” (Januar 1996) — wurden alle in extrem kurzer Folge produziert. „Filosofem” wurde im März 1993 aufgenommen, drei Jahre vor Veröffentlichung. Vikernes saß zu diesem Zeitpunkt eine Haftstrafe wegen Mordes und Brandstiftung ab.

Darkthrone. Gegründet 1986 in Kolbotn, ursprünglich als Death-Metal-Band. Mit dem dritten Album „A Blaze in the Northern Sky” (Februar 1992) vollzogen sie den Wechsel zum Black Metal. Die zwei folgenden Alben — „Under a Funeral Moon” (Juni 1993) und „Transilvanian Hunger” (Februar 1994) — werden gemeinsam als „Unholy Trinity” der norwegischen Szene bezeichnet.

Emperor. Gegründet 1991 in Notodden. Ihr Debüt „In the Nightside Eclipse” (Februar 1994) brachte symphonische Elemente in den Black Metal ein — Keyboard-Flächen, Mehrstimmigkeit, längere Songstrukturen. Emperor seien die kompositorisch ambitionierteste Band der ersten Welle.

Die Skandale

Was die norwegische Szene in den frühen 1990ern international bekannt machte, waren nicht primär die Platten, sondern eine Reihe von Verbrechen: zwischen 1992 und 1996 wurden in Norwegen mehr als 50 Stabkirchen-Brandstiftungen versucht oder durchgeführt, mehrere davon mit nachweislichen Verbindungen zur Szene. Die Fantoft-Stabkirche wurde am 6. Juni 1992 niedergebrannt — Vikernes wurde 1994 wegen mehrerer Stabkirchen-Brandstiftungen und des Mordes an Euronymous zu 21 Jahren Haft verurteilt (die damalige Höchststrafe; er kam 2009 frei).

Diese Verbrechen — und die wiederholten Versuche einzelner Szenefiguren, sie nachträglich ideologisch zu rahmen — hätten der Außenwahrnehmung der gesamten Szene einen langanhaltenden Schaden zugefügt, der bis heute nachwirkt. Bands, die in den 1990ern aktiv waren und sich politisch nicht eindeutig distanziert haben, kämpfen 2026 noch immer mit Konzertabsagen und Festival-Boykotten.

Was die fünf Phasen verbindet

Wenn man Black Sabbath 1970, die NWOBHM 1979, Thrash 1983, Death Metal Ende der 1980er und Black Metal 1991 als Sequenz liest, fällt auf, dass jede Phase eine Verschärfung gegenüber der vorigen ist:

PhaseTempoVerzerrungVocalsTabuthemen
Heavy Metal 1970mittelmittelklarOkkultismus
NWOBHM 1979hochmittel-hochklarGeschichte, Sci-Fi
Thrash 1983sehr hochhochklar/schreiendKrieg, Religion
Death Metal 1987extremextremGrowlGewalt, Tod
Black Metal 1991wechselndrauhKrächzenAnti-Religion

Jede Phase habe sich vom Mainstream der vorigen Phase abgesetzt — und damit eine immer kleinere Hörerschaft adressiert. Black Metal sei in seiner ersten Welle eine Subkultur mit wenigen tausend Personen weltweit gewesen. Genau diese Verkleinerung sei das Strukturmuster: Metal habe sich nicht in die Breite, sondern in die Tiefe entwickelt.

Was 2026 von all dem geblieben ist: Alle fünf Phasen sind koexistent. Black Sabbath spielte 2025 ihre letzte Show in Birmingham (das Reunion-Konzert „Back to the Beginning” am 5. Juli 2025, mit der Originalbesetzung). Iron Maiden touren mit der „Run for Your Lives”-Tour. Metallica veröffentlichten 2023 „72 Seasons”. Darkthrone und Mayhem sind beide aktiv und produktiv. Die Genres haben sich nicht abgelöst, sondern aufeinandergeschichtet. Das sei vielleicht der bemerkenswerteste Befund: Metal sei das einzige populäre Musikgenre, in dem alle Generationen seit 1970 noch immer parallel im Studio sitzen.


Ressort: Geschichte