Skald
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Tradition · 18 min

Völuspá, Hávamál, Skáldskaparmál — die Quellen der nordischen Mythologie

Codex Regius, Snorri Sturluson und die beiden Eddas: Wie das, was wir heute über die altnordische Götterwelt zu wissen glauben, im 13. Jahrhundert auf Island aufgeschrieben wurde.

Wer sich heute auf nordische Mythologie beziehe — sei es in Folk-Metal-Texten, in historischen Romanen oder in Filmadaptionen —, beziehe sich praktisch immer auf eine Quellenlage, die fast vollständig in zwei Manuskripten und drei Werken zusammenläuft. Diese Quellen sind weder besonders alt — sie stammen aus dem 13. Jahrhundert — noch besonders neutral: Sie wurden von Christen aufgezeichnet, in einer Phase, in der die heidnische Tradition bereits seit etwa zwei Jahrhunderten offiziell beendet war.

Diese Lücke zwischen dem Stoff (mündlich tradiert, möglicherweise jahrhundertealt) und seiner Niederschrift (christliches Mittelalter, geprägt von gelehrter Distanz) ist die zentrale methodische Herausforderung jeder Beschäftigung mit altnordischer Religion. Wer Völuspá zitiere, zitiere immer schon eine Übersetzung — nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell.

Der Codex Regius: das Hauptmanuskript

Das wichtigste einzelne Manuskript heißt Codex Regius (lateinisch „Königlicher Codex”), trägt die Signatur GKS 2365 4to und wird heute im Árni-Magnússon-Institut in Reykjavík aufbewahrt. Es wurde um 1270 auf Island geschrieben, vermutlich auf der Grundlage einer älteren Vorlage, die nicht erhalten ist.

Der Codex enthält 45 Pergamentblätter, 29 davon sind beidseitig beschrieben. Auf diesen Blättern stehen 29 Lieder, die heute als „Lieder-Edda” oder „Ältere Edda” bezeichnet werden. Die Lieder zerfallen in zwei Gruppen: 11 Götterlieder und 18 Heldenlieder. Die Götterlieder sind die wichtigste Quelle für die Mythologie, die Heldenlieder sind die wichtigste Quelle für die Heldensage um Sigurd, der wiederum die Vorlage für das mittelhochdeutsche Nibelungenlied ist.

Der Codex Regius wurde 1662 vom isländischen Bischof Brynjólfur Sveinsson dem dänischen König Friedrich III. geschenkt und befand sich knapp 300 Jahre lang in Kopenhagen. Erst 1971 wurde er — zusammen mit dem Manuskript der Flateyjarbók — feierlich nach Island zurückgebracht.

Die Rückgabe 1971 sei ein politisches Ereignis gewesen. Die isländische Regierung habe sie als Akt symbolischer Souveränität verstanden. Das Manuskript landete an Bord eines dänischen Marineschiffs, das in Reykjavík empfangen wurde wie bei einem Staatsbesuch.

Völuspá: das Anfangsgedicht

Das erste Lied im Codex Regius heißt Völuspá — übersetzt „Die Weissagung der Seherin”. Es umfasst, je nach Zählung der erhaltenen Strophen, zwischen 59 und 66 Vierzeiler und ist das ambitionierteste Stück der gesamten Sammlung.

Völuspá rahmt sich als Bericht einer Völva, einer Seherin, die von Odin selbst befragt werde. Sie erzähle in einem einzigen langen Spannungsbogen die gesamte Weltgeschichte: von der Schöpfung („Urzeit war’s, da Ymir hauste”) über die Entstehung der Götter, die ersten Konflikte (Asen gegen Vanen, Tod Balders), die Bindung Lokis, das Heraufziehen von Ragnarök, den Untergang der Welt — und am Ende: ihr Wiederaufstehen.

Strukturell auffällig sei, dass Völuspá weder als Hymne noch als Belehrung daherkomme, sondern als Drohung. Die Seherin spreche aus einer Position der Überlegenheit, ihre Antworten an Odin seien knapp, fast schroff. Eine Strophe endet mit dem Refrain „Wisst ihr nun mehr — oder was?”

Inhaltlich relevant für die spätere Rezeption sei vor allem der Ragnarök-Komplex: Die Bilder vom Wolf Fenrir, der Sonne und Mond verschlinge, vom Riesen Surtr, der die Welt mit Feuer verbrenne, und vom anschließenden Wiederaufstieg eines fruchtbaren Landes hätten Generationen von Künstlern beschäftigt — von Snorri über Wagner bis zu Tolkien und der modernen Pop-Kultur.

Datierung: ein offenes Problem

Wann Völuspá gedichtet wurde, sei umstritten. Sprachliche Indikatoren — vor allem die Metrik (Ljóðaháttr und Fornyrðislag) — verweisen auf eine Phase, in der Norwegisch und Isländisch noch nicht klar getrennt waren, also vor etwa 900 n. Chr. Andere Indizien deuten auf christlichen Einfluss hin: Die Idee einer wiederauferstandenen Welt mit einem „mächtigen Herrscher” (Strophe 65 in einigen Versionen) klingt nach apokalyptischer Theologie.

Die heutige Lehrmeinung neige zur Annahme einer Entstehung um 1000 n. Chr. — also gegen Ende der heidnischen Phase, möglicherweise in dem Moment, in dem Island offiziell zum Christentum übertrat (Þingvellir, Sommer 999/1000). Das wäre konsistent mit der Spannung zwischen heidnischem Stoff und apokalyptischer Form.

Hávamál: Lebensweisheit Odins

Das zweite zentrale Götterlied im Codex Regius heißt Hávamál — „Rede des Hohen”. Mit 164 Strophen ist es das längste Lied der Sammlung und in mehrerer Hinsicht das ungewöhnlichste.

Hávamál sei kein Erzähltext, sondern eine Sammlung. Genau genommen seien es mehrere Sammlungen, die im Lauf der Tradition zusammengefügt worden seien. Die ersten 80 Strophen (manchmal „Gestaþáttr” genannt) bestünden aus Lebensregeln in der Tradition antiker Spruchdichtung: Hinweise zum Umgang mit Gästen, zum Trinken in Maßen, zum Misstrauen gegenüber Fremden, zur Zurückhaltung beim Reden.

Diese Spruchstrophen seien stilistisch das, was im englischsprachigen Raum als „Norse wisdom” zirkuliere — oft auf Wandtattoos, oft schlecht übersetzt. Tatsächlich seien die Sprüche pragmatisch und nüchtern. Strophe 77 lautet in einer wörtlichen Übertragung etwa: „Vieh stirbt, Verwandte sterben, du selbst stirbst ebenso; eins weiß ich, das nie stirbt: das Urteil über jeden Toten.”

Die zweite Hälfte des Lieds (etwa ab Strophe 138) wechsle das Register: Hier erzählt Odin in der Ich-Form, wie er sich selbst neun Nächte lang an der Weltesche Yggdrasil aufhängte, um die Runen zu erlangen. Diese „Rúnatal” genannte Sequenz sei eine der wenigen mythologischen Selbst-Erzählungen Odins in der gesamten Überlieferung und werde immer wieder mit dem Bild der Selbstopferung diskutiert.

Snorri Sturluson und die Prosa-Edda

Parallel zur Lieder-Edda existiert die sogenannte Prosa-Edda oder „Jüngere Edda”, verfasst um 1220 — also etwa 50 Jahre vor der Niederschrift des Codex Regius — von Snorri Sturluson.

Snorri (1179–1241) war eine der zentralen Figuren der isländischen Geschichte des 13. Jahrhunderts: Großgrundbesitzer, zweimal Lögsögumaðr (Gesetzessprecher) des Alþing, Diplomat zwischen Norwegen und Island, später Verlierer in einem politischen Konflikt. Er wurde in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1241 in seinem Keller auf Reykholt von Männern erschlagen, die im Auftrag des norwegischen Königs Håkon IV. handelten.

Snorris Prosa-Edda sei kein Religionsbuch, sondern ein Lehrbuch für Skalden — also für die spezifisch nordische Berufsklasse der Hofdichter. Snorri habe befürchtet, dass die komplexe Bildersprache der Skaldendichtung mit der Christianisierung verloren gehe, und habe deshalb ein Handbuch zusammengestellt, das die mythologischen Voraussetzungen dieser Bildersprache erklärt.

Die Prosa-Edda besteht aus vier Teilen:

  • Prolog — ein euhemeristischer Rahmen, der die Götter als historische Personen umdeutet.
  • Gylfaginning („Die Täuschung Gylfis”) — die zentrale mythologische Erzählung, gerahmt als Dialog zwischen König Gylfi und drei Gestalten in einer Halle.
  • Skáldskaparmál („Die Sprache der Dichtkunst”) — Katalog der Kenningar und Heiti, also der metaphorischen Umschreibungen, die in Skaldenstrophen verwendet werden.
  • Háttatal („Aufzählung der Versmaße”) — 102 Strophen, die alle metrischen Möglichkeiten der Skaldendichtung durchexerzieren.

Gylfaginning: das mythologische Kompendium

Gylfaginning sei das, woraus die meisten populären Nacherzählungen der nordischen Mythologie schöpfen. Snorri behandelt hier in geordneter Folge die Weltschöpfung, die wichtigsten Götter, die Beziehung zu Riesen und Zwergen, einzelne mythologische Episoden (Thors Reise zu Utgardloki, Balders Tod, die Bindung Fenrirs) und das Ragnarök.

Wichtig sei, dass Snorri kein neutraler Berichterstatter ist. Er zitiere Strophen aus älteren Liedern — viele davon kennen wir nur, weil Snorri sie überliefert hat —, ordne sie aber in ein System ein, das stark von mittelalterlicher Schultradition geprägt ist. Wenn Snorri Götter beschreibt, lese sich das eher wie eine Übersetzung antiker Mythographie als wie ein authentischer Bericht.

Skáldskaparmál: das Bildlexikon

Skáldskaparmál sei für historisch interessierte Leser:innen vielleicht der interessanteste Teil. Snorri liste hier hunderte Umschreibungen für Standardbegriffe auf. Für „Gold” gibt es Dutzende: „Otterbuße” (verweist auf den Mythos, in dem die Götter Otter mit Gold belegen müssen), „Sifs Haar” (Loki schneidet Sif das Haar ab, Zwerge ersetzen es durch Gold), „Glasur-Glanz”, „Freyas Tränen”.

Diese Bildersprache sei für die mündlich tradierte Skaldendichtung essenziell gewesen: Eine Hofstrophe musste in acht Zeilen einen ganzen Sachverhalt verdichten, und Kenningar erlaubten genau das. Ohne Skáldskaparmál wären viele überlieferte Skaldenstrophen heute unverständlich.

Die Runen: zwei Systeme

Parallel zur literarischen Überlieferung gibt es eine epigraphische Überlieferung: Runeninschriften auf Stein, Holz, Knochen und Metall, verteilt über Skandinavien, die Britischen Inseln, das nördliche Deutschland und vereinzelt bis nach Konstantinopel.

Die Runologie unterscheidet zwei Hauptsysteme:

Das Ältere Futhark. Verwendet etwa vom 2. bis zum 8. Jahrhundert. Enthält 24 Runen, geordnet in drei Reihen zu je acht („ætt”). Die Bezeichnung „Futhark” stammt aus den ersten sechs Runen: f, u, þ, a, r, k. Das Ältere Futhark sei vor allem auf Brakteaten (dünnen Goldmünzen) und auf Steinen wie dem Stein von Kylver (Gotland, frühes 5. Jahrhundert) belegt.

Das Jüngere Futhark. Verwendet ab etwa 800 in Skandinavien, also genau in der Wikingerzeit. Reduziert auf 16 Runen — paradoxerweise zu einer Zeit, in der die Sprache phonetisch komplexer wurde. Diese Reduktion habe zur Folge, dass eine Rune oft mehrere Laute repräsentiere, was die Interpretation erschwere.

Was die Runen tatsächlich bedeuteten, sei seit dem 19. Jahrhundert umstritten. Die populäre Vorstellung, Runen seien primär magisch verwendet worden, lasse sich epigraphisch nicht halten. Die meisten überlieferten Inschriften sind nüchtern: Eigentumsmarkierungen, Gedenksteine („X errichtete diesen Stein für Y, seinen Sohn”), gelegentlich Reisenotizen. Magische Inschriften — etwa Heilformeln auf Knochen — kommen vor, sind aber Minderheitspraxis.

Was die Quellen leisten können — und was nicht

Wenn man die Quellenlage nüchtern betrachte, sei die Bilanz ernüchternd: Wir haben zwei Eddas aus dem 13. Jahrhundert, einige Runeninschriften, gelegentliche Erwähnungen in skandinavischer Sagaliteratur (Heimskringla, ebenfalls Snorri) und vereinzelte Beobachtungen christlicher Außenseiter (Adam von Bremen, um 1075). Das ist deutlich weniger als für die griechisch-römische Antike.

Daraus folge: Wer mit „nordischer Mythologie” arbeite, arbeite immer mit einer rekonstruierten Größe. Vieles von dem, was heute als Selbstverständlichkeit zirkuliere — die genaue Hierarchie der Götter, die Funktion einzelner Figuren, die ritualpraktischen Details —, sei modern, oft 19. Jahrhundert, oft Wagner-geprägt.

Das mache die Beschäftigung mit den Quellen nicht weniger lohnend. Im Gegenteil: Wer Völuspá oder Hávamál tatsächlich lese — etwa in der wissenschaftlichen Übersetzung von Arnulf Krause (Reclam 2004, Neuauflage 2018) oder in der zweisprachigen Ausgabe von Andreas Heusler —, finde Texte, die literarisch dichter, strukturell strenger und tonal kompromissloser seien, als die populären Nacherzählungen vermuten lassen.

Snorri war kein Heide, der Verfasser der Völuspá womöglich schon nicht mehr ganz Heide. Was sie überliefern, ist gefiltertes Material. Aber es ist alles, was wir haben — und es lohnt, es nicht über Memes, sondern über die Originale zu erschließen.


Ressort: Tradition