Eluveitie, Ensiferum, Korpiklaani — wie Folk Metal aus drei Ländern eine Szene wurde
Winterthur, Helsinki, Lappeenranta: Wie zwischen 1995 und 2003 drei Bands aus drei Ländern das Folk-Metal-Idiom in seine heutige Form gebracht haben.
Folk Metal sei, anders als das oft pauschal behauptet werde, kein einheitliches Idiom. Wer Eluveitie aus Winterthur, Ensiferum aus Helsinki und Korpiklaani aus Lappeenranta nebeneinanderhöre, höre drei sehr unterschiedliche Konzepte, die zufällig denselben Sammelbegriff erhalten haben. Genau diese Unschärfe sei produktiv gewesen: Sie habe der Szene erlaubt, in den späten 1990ern und frühen 2000ern parallele Wege zu gehen, ohne dass eine dominante Ästhetik die anderen verdrängt hätte.
Zwischen 1995 und 2003 entstanden in Skandinavien, der Schweiz, Deutschland und Finnland nahezu zeitgleich eine Reihe von Bands, die akustische Instrumente — Drehleier, Tin Whistle, Akkordeon, Geige — nicht als Dekoration, sondern als gleichwertige Stimmen ins Metal-Arrangement integrierten. Das Ergebnis ist heute eine der wenigen wirklich gesamteuropäischen Metal-Strömungen.
Ensiferum (Helsinki 1995): die nordische Linie
Beginnen wir chronologisch. Ensiferum wurden 1995 in Helsinki gegründet — die Initiatoren waren Markus Toivonen (Gitarre) und Sauli Savolainen (Bass), bald darauf stieß Jari Mäenpää als Sänger und zweiter Gitarrist dazu. Der Bandname stammt aus dem Lateinischen, „ensifer” bedeutet „Schwertträger”.
Das selbstbetitelte Debüt erschien im Dezember 2001 bei Spinefarm Records, also sechs Jahre nach Gründung. In diesen sechs Jahren hatten die Musiker zwei Demos veröffentlicht und sich auf das festgelegt, was später die Helsinki-Schule des Folk Metal werden sollte: Power-Metal-Tempi, doppelt eingespielte Gitarrenmelodien, klare Gesangslinien im Wechsel mit Growls, dazu Keyboard-Flächen, die akustische Instrumente imitieren.
Bemerkenswert sei, dass Ensiferum die Folk-Elemente nicht primär über Originalinstrumente einbrachten, sondern über Melodieführung. Die Hauptthemen seien oft volksliedhaft, ihre Skalen erinnerten an karelische Folklore — das tatsächliche Instrument sei aber meist Gitarre oder Keyboard.
Jari Mäenpää verließ die Band 2004, um Wintersun zu gründen, ein Soloprojekt, das den orchestralen Aspekt weiter ausbaute. Bei Ensiferum übernahm Petri Lindroos (vormals Norther) den Lead-Gesang. Die Band ist seither stabil besetzt und veröffentlichte 2023 ihr neuntes Studioalbum „Winter Storm”.
Was Ensiferum geprägt hat
Die Strophe-Refrain-Architektur, die heute fast alle Folk-Metal-Bands mit Power-Metal-Anschluss benutzen, gehe maßgeblich auf Ensiferums frühe Alben zurück.
Konkret: schnelle Strophen mit Growls, mittelschnelle Bridges mit klarem Gesang, Refrains mit Chor und doppelter Gitarre, dazu ein instrumentales Mittelteil, in dem das Folk-Motiv ausgespielt werde. Diese Anordnung sei seit 2001 das Standardgerüst.
Korpiklaani (Lappeenranta 2003): die Wirtshausvariante
Vier Stunden Auto nach Osten, in Lappeenranta, begann 2003 etwas Gegenteiliges. Korpiklaani — der Name bedeutet auf Finnisch „Waldsippe” — gingen aus der Sámi-Folk-Band Shaman hervor, die Frontmann Jonne Järvelä seit 1993 betrieben hatte. Mit dem Wechsel zum Folk Metal verschob sich auch das Konzept: weg von der ernsten Joiku-Tradition, hin zu Trinkliedern.
Das Debütalbum „Spirit of the Forest” erschien im August 2003 bei Napalm Records. Es enthält 13 Tracks, von denen mehrere Polka-Strukturen aufweisen, dazu Akkordeon und Geige als gleichwertige Solo-Instrumente neben der Gitarre. „Wooden Pints”, das Eröffnungsstück, sei sofort ein Festival-Standard geworden.
Korpiklaani habe zwei Dinge getan, die in der Szene neu gewesen seien:
- Akkordeon als Lead-Instrument. Bis 2003 war Akkordeon in Metal-Kontexten selten und meistens nur als Farbe eingesetzt worden. Korpiklaani hoben es auf dieselbe Ebene wie die Gitarre.
- Trinklied als Thema. Die Texte feiern Bier, Wald, Sauna, Mökki. Das sei programmatisch antimythologisch — kein Götterstoff, sondern Alltagsfolklore.
Die Wirkung war doppelt: Korpiklaani öffneten Folk Metal für ein Publikum, das Mythologie als zu schwer empfand, und legten gleichzeitig das Fundament für das, was später als „Pirate Metal” und „Pagan Folk” auf Festivals laufen sollte. Bands wie Alestorm (gegründet 2004 in Perth, Schottland) hätten ohne die Vorarbeit von Korpiklaani in der Form nicht stattfinden können.
Eluveitie (Winterthur 2002): das ethnologische Projekt
Die dritte Linie ist konzeptuell die anspruchsvollste. Eluveitie wurden 2002 in Winterthur von Chrigel Glanzmann als Studioprojekt gegründet. Glanzmann studierte zu diesem Zeitpunkt Keltologie und Religionswissenschaft — der Bandname stammt aus einer etruskischen Vasen-Inschrift aus Mantua, die ein keltischer Söldner mit „eluveitie” („ich bin der Helvetier”) signiert hatte.
Das Konzept war von Anfang an ethnologisch grundiert: Eluveitie wollten gallische Mythologie und keltische Musik mit Melodic Death Metal in Göteborg-Tradition (In Flames, Dark Tranquillity) kombinieren. Die Besetzung wuchs in den ersten Jahren auf acht Personen — neben den klassischen Metal-Instrumenten dauerhaft Drehleier, Tin Whistle, Uilleann Pipes, Geige und Mandola.
Das Debütalbum „Spirit” erschien im Juni 2006, das zweite Album „Slania” im Februar 2008 bei Nuclear Blast erreichte Platz 35 der deutschen Album-Charts. „Slania” sei das Album, mit dem die Band ihre Form gefunden habe: Tracks wie „Inis Mona” (basierend auf der Melodie von „The Lambeg Drum”) oder „Gray Sublime Archon” kombinierten Death-Metal-Riffing mit Drehleier-Soli in einer Konsequenz, die vorher niemand probiert habe.
Akustische Parallel-Veröffentlichungen
Bemerkenswert sei Eluveities Doppelstruktur: Parallel zu den Metal-Alben veröffentlicht die Band akustische Platten, auf denen dieselben Musiker:innen rein folkloristisch arbeiten. „Evocation I: The Arcane Dominion” (2009) und „Evocation II: Pantheon” (2017) seien komplett ohne verzerrte Gitarren und Drumkit eingespielt. Diese Trennung erlaube es, beide Traditionen ernst zu nehmen, ohne sie zu vermischen.
Glanzmann hat in mehreren Interviews betont, dass es ihm nicht um „keltische Stimmung” gehe, sondern um konkrete Rekonstruktion. Texte werden teilweise in rekonstruiertem Gallisch verfasst — einer Sprache, die seit etwa 600 n. Chr. ausgestorben ist und die in der Sprachwissenschaft aus Inschriften und römischen Quellen rekonstruiert wird.
Die deutsche Linie: Schandmaul und das Mittelalter-Idiom
Etwas zeitlich davor und stilistisch eigenständig steht die deutsche Mittelalter-Welle. Schandmaul wurden 1998 in München gegründet, ihr Debüt „Wahre Helden” erschien im Februar 2000. Die Band bedient sich aus dem mittelalterlichen Spielmannsidiom — Drehleier, Sackpfeife, Schalmei —, kombiniert es aber mit Pop-Rock statt mit Metal.
Trotzdem habe Schandmauls Erfolg den deutschen Markt für akustisch-folkloristische Instrumente vorbereitet. Wenn Folk-Metal-Bands wie Equilibrium (gegründet 2001 in Bayern) oder XIV Dark Centuries (1999, Suhl) später in Deutschland gut funktionierten, dann sei ein Teil dieser Akzeptanz auf das Schandmaul-Publikum zurückzuführen, das gelernt hatte, dass Drehleier kein Kuriosum sei.
In Mai 2026 ist Schandmaul mit Album Nummer 14 unterwegs („Werte”, erschienen 2024) und füllt regelmäßig Hallen in der 3000er-Liga. Das sei für eine Band, die seit 26 Jahren spielt, ohne jemals Charts-Mainstream gewesen zu sein, ein bemerkenswerter Befund.
Finntroll: die karikierende Variante
Eine Sonderstellung nehmen Finntroll ein, gegründet 1997 in Helsinki von Teemu „Somnium” Raimoranta und Jan „Katla” Jämsen. Finntroll kombinieren Black-Metal-Geschwindigkeit mit finnischer Humppa-Folklore — das Ergebnis sind Tracks mit Polka-Beat, Blastbeats und schwedischsprachigen Texten über Trolle, die christliche Missionare jagen.
Das Konzept klingt komisch, sei aber konsequent durchgehalten. Das dritte Album „Nattfödd” (2004) gilt als Genre-Klassiker. Finntroll hätten gezeigt, dass Folk Metal nicht ernst bleiben müsse, um substanziell zu sein.
Die Bandgeschichte ist tragisch: Sänger Jämsen musste 2003 wegen einer Kehlkopf-Tumor-Operation aussteigen, Gitarrist Raimoranta starb 2003 bei einem Unfall in Helsinki. Die Band führte das Konzept mit neuen Mitgliedern weiter, ihr siebtes Studioalbum „Vredesvävd” erschien 2020.
Die Instrumente: was Folk Metal tatsächlich klanglich macht
Damit Folk-Metal-Stücke als „folkig” erkennbar sind, brauche es nicht zwingend Originalinstrumente — siehe Ensiferum —, aber die Bands, die Originalinstrumente einsetzen, prägen den klanglichen Erwartungshorizont. Vier Instrumente seien zentral:
Drehleier. Eingesetzt prominent bei Eluveitie, In Extremo, Subway to Sally. Die Drehleier produziert einen Bordunton — einen dauerhaft mitlaufenden Bass —, der mit Metal-Riffing harmonisch interessant interagiert.
Tin Whistle / Penny Whistle. Hauptinstrument bei Eluveitie für Lead-Melodien. Die hohe Lage liegt klanglich über der Gitarre, was Sololinien deutlich heraustreten lässt. Glanzmann selbst spielt mehrere Whistles in verschiedenen Stimmungen.
Akkordeon. Korpiklaani, Trollfest. Bringt Polka- und Walzer-Rhythmik in Metal-Arrangements ein.
Geige. Eluveitie (Nicole Ansperger, später Jonas Wolf), Turisas (Olli Vänskä), Heidevolk. Die Geige sei das flexibelste Folk-Instrument: sie könne als melodische Stimme dienen oder als rhythmischer Akzent eingesetzt werden.
Uilleann Pipes. Die irische Variante des Dudelsacks, leiser und melodisch flexibler als der schottische Great Highland Bagpipe. Eluveitie nutzen sie regelmäßig für längere Lead-Passagen. Die Spieltechnik sei anspruchsvoll, weil das Instrument mit Blasebalg unter dem Arm gespeist werde — nicht mit Atemluft.
Die Folk-Black-Metal-Schnittmenge
Eine eigene Kategorie verdiene die Schnittmenge zwischen Folk und Black Metal. Hier sei vor allem Wintersun aus Helsinki zu nennen — das Projekt von Jari Mäenpää, das nach seinem Ensiferum-Ausstieg 2004 entstand und mit „Wintersun” (Oktober 2004) ein orchestrales Folk-Black-Metal-Album vorlegte. Auch Moonsorrow aus Helsinki (gegründet 1995) und Vintersorg aus Schweden bewegen sich in dieser Sparte: melancholische Atmosphäre, Folk-Melodik, aber schnellere Tempi und rauere Vocals als bei Korpiklaani.
Die Folk-Black-Metal-Linie sei kompositorisch oft die anspruchsvollste, weil sie zwei sehr unterschiedliche klangliche Welten verbinden muss. Moonsorrows „Verisäkeet” (2005) etwa enthält fünf Tracks zwischen 11 und 15 Minuten Länge, mit Strukturen, die mehr an klassische Programmmusik erinnern als an konventionelle Songs.
Wo die Szene 2026 steht
25 Jahre nach den Gründungsmomenten der drei Hauptlinien ist Folk Metal eine etablierte Festival-Sparte. Die großen Veranstaltungen — Wacken, Summer Breeze, Hellfest — haben durchgehend mehrere Folk-Metal-Bands im Programm. Der Paganfest, eine seit 2008 jährlich stattfindende Folk-/Pagan-Metal-Tournee, hat sich als Distributionskanal etabliert.
Gleichzeitig stagniert die Innovationsdichte. Die meisten neuen Bands variieren bestehende Konzepte, statt neue zu entwickeln. Das sei keine Krise — eher ein Konsolidierungszustand. Folk Metal habe seine Form gefunden.
Auffällig sei, dass die drei Hauptbands nach 25, 31 und 24 Jahren immer noch aktiv sind und immer noch produktiv. Eluveitie veröffentlichten 2024 „Ànv”, Korpiklaani 2024 „Rankarumpu”, Ensiferum 2023 „Winter Storm”. Dass sich drei Bands aus drei Ländern über ein Vierteljahrhundert in derselben Sparte halten, ohne sich gegenseitig zu kopieren, sei das eigentliche Argument für die These, dass Folk Metal kein einheitliches Idiom sei — sondern ein Sammelbegriff für drei parallel laufende Traditionen.